Fröhliche Weihnachten mitWeihnachtsgeschichtenWeihnachtsgedichte und Weihnachtslieder
Fröhliche Weihnachten 2011! Hier finden Sie Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsgedichte

Archive for October, 2009

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen – Weihnachtslied

Thursday, October 29th, 2009

Ein Weihnachtslied von Gustav Hermann Kletke (1813-1886)

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen,
Wie glänzt er festlich, lieb und mild,
Als spräch’ er: “Wollt in mir erkennen
Getreuer Hoffnung stilles Bild.”

Die Kinder stehen mit hellen Blicken,
Das Auge lacht, es lacht das Herz,
O fröhlich, seliges Entzücken,
Die Alten schauen himmelwärts.

Zwei Engel sind hereingetreten,
Kein Auge hat sie kommen sehn,
Sie gehn zum Weihnachtsbaum und beten
Und wenden wieder sich und gehn.

“Gesegnet seid ihr alten Leute,
Gesegnet sei du kleine Schar !
Wir bringen Gottes Segen heute
Dem braunen wie dem weißen Haar !”

“Zu guten Menschen, die sich lieben,
Schickt uns der Herr als Boten aus,
Und seid ihr treu und fromm geblieben,
Wir treten wieder in dies Haus !”

Kein Ohr hat ihren Spruch vernommen
Unsichtbar jedes Menschen Blick
Sind sie gegangen wie gekommen,
Doch Gottes Segen bleibt zurück.

Knecht Ruprecht

Wednesday, October 28th, 2009

Ein Weihnachtsgedicht von Theodor Storm 1817 – 1888

Von drauß, vom Walde komm ich her;
ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldne Lichtlein blitzen,
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht durch den finsteren Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
“Knecht Ruprecht”, rief es “alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
alt und jung sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn,
und morgen flieg ich hinab zur Erden;
denn es soll wieder Weihnachten werden!”
Ich sprach: “O lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
ich soll nur noch in diese Stadt,
wo’s eitel gute Kinder hat.”
- “Hast denn das Säcklein auch bei dir?”
Ich sprach: “Das Säcklein, das ist hier;
den Apfel, Nuß und Mandelkern
essen fromme Kinder gern.”
- “Hast denn die Rute auch bei dir?”
Ich sprach: “Die Rute, die ist hier;
doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten!”
Christkindlein sprach: “So ist es recht;
so geh mit Gott, mein treuer Knecht!”
Von drauß, vom Walde komm ich her;
ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find!
Sind’s gute Kind’, sind’s böse Kind’?

Der alte Weihnachtsmann – Weihnachtsgedicht

Wednesday, October 28th, 2009

Ein Weihnachtsgedicht von Paula Dehmel (1862-1918)

Ich bin der alte Weihnachtsmann,
ich hab einen bunten Wunderpelz an
mein Haar ist weiß von Reif und Eis.

Ich komm weit hinter Hamburg her,
mit langen Stiefeln durchs kalte Meer,
meinen Mummelsack huckepack.

Da sind viel gute Sachen drin,
Nüss und Äpfel und große Rosinn
ich bin ein lieber Mann, seht an.

Ich kann aber auch böse sein,
dann fahr ich mit der Rute drein
und schüttel den Bart: na wart!

Nein, seid nicht bang seid lieb und gut,
seid wie das Blümlein Wohlgemut!
Das nimmt beglückt
alles, was der Himmel schickt.

Der Stern zu Bethlehem

Wednesday, October 28th, 2009

Eine Weihnachtsgeschichte von Hermine Villinger (1849 – 1917)

Es war ein düsterer Novembermorgen. Die Uhr der protestantischen Kirche auf dem Marktplatze hatte eben fünf geschlagen. Ein Schutzmann, der die Kriegsstraße passierte, sah einen schwarzen Packen unter einem der Bäume liegen. Es war ein fest schlafendes Kind. Der Mann schüttelte und rüttelte das magere, im höchsten Grade verkommen aussehende Bürschlein wohl eine ganze Weile. Endlich – einen durchdringenden Schrei ausstoßend – fuhr der kleine in die Höhe. Er wollte sich frei machen. Er riss und zerrte, sein Jammern war herzzerreißend.

“Aber es geschieht dir ja nichts”, sagte der Schutzmann, “soll für dich gesorgt werden. Sei nur ruhig, sei nur ruhig . . . ”
Gleich beim ersten Wort hatte das noch eben tief geängstigte Kind freudig aufgehorcht, des Mannes Hand ergriffen und sich wie hilfesuchend an ihn hingedrängt.
“Bist wohl hungrig?” fragte er.
“Ja, ja.” Die Stimme klang ganz hell. Keine Spur von Angst mehr.
“Wie alt bist du, Kleiner?”
“Zehn Jahr.”
“Wo kommst her?”
Schweigen.
“Wer sind deine Eltern?”
Abermaliges Schweigen. Sie waren eine Weile gegangen und hielten nun vor einem großen Hause, das hoch über all die geringen Häuslein des “Dörfle”, wie man diesen Stadtteil nennt, hinausragte. Der Schutzmann läutete, und sie traten ein.
Eine Schwester kam ihnen entgegen, jung, in einer weißen Haube. Ohne das mehr als die nötigen Worte zwischen ihr und dem Schutzmann gewechselt wurden, nahm sie den Kleinen bei der Hand und führte ihn ein paar Treppen hinauf, durch eine Menge dunkler Gänge und Gelasse. In einem kleinen Raume machte sie halt und zündete das Gas an. Jetzt erst betrachtete sie ihren Schützling.
“Lieber Gott,” rief sie bei seinem Anblick aus, “lieber Gott . . . ”
Sie zog einen Schemel herbei: “Da setz’ dich her!” Dann zündete sie den Gasofen an, denn sie befanden sich im Badezimmer, lief rasch davon und kehrte schon nach wenigen Minuten mit einer Tasse Milch zurück und einem Stück Brot.
Der Junge, der zart und klein für sein Alter war, ließ den Blick nicht von der hübschen, rotbackigen Schwester, die kam und ging, alles mögliche herbeischleppte und ihm von Zeit zu Zeit freundlich zunickte.
Sie hatte ein großes Tuch vor ihm ausgebreitet. Kaum, dass er sich’s versah, war er seiner schmutzigen, zerfetzten Kleider entledigt und lag in der wohlig warmen Badewanne.
Er lachte, er hatte so etwas nie erlebt. Nun kam die Schwester mit der Bürste und seifte ihn von Kopf bis zu den Füßen ein.
Plötzlich ließ sie ihn in Ruhe. Er streckte die Glieder, suchte eine Stütze für den Kopf. Ihm war zum Einschlafen wohl. Aber schon im nächsten Augenblick lag er in einem warmen Tuch auf dem Tische, wurde abgerieben und davongetragen. Er kam aus dem Verwundern nicht heraus. In eine warmes Bett wurde er gesteckt, fühlte weiße, unendliche Sauberkeit um sich her, sah wie aus weiter Ferne das rosige, lachende Gesicht der Schwester, die ihm zunickte, und schlief ein.
Erst gegen Mittag erwachte er. Vor seinem Bette stand Schwester Käthchen und die Oberschwester.
“Er hat nur Haut und Knochen,” hörte er seine Pflegerin sagen, “und ein blaues Mal am andern.”
“Gelt, dir gefällt’s in deinem Bett?” wandte sie sich an den Kleinen. “Wie heißt du denn?”
Er besann sich einen Augenblick, dann meinte er schelmisch:
“Weiß nit – ”
Die Frauen lachten.
Des Nachmittags nahm ihn Schwester Käthchen vor. Sie saß neben einem Kinderwagen, in dem ein blondes und ein schwarzes Geschöpfchen einträchtig nebeneinander lagen.
“Wem gehören denn die?” fragte der neue Ankömmling, der nun ein sauberer kleiner Kerl war mit Augen die wie Sterne glitzerten.
“Sie gehören niemand,” sagte Schwester Käthchen, “darum bleiben sie jetzt bei uns.”
“Ich gehör’ auch niemand,” sagte der Kleine, “gelt, jetzt bleib’ ich auch bei dir.”
“Aber du bist doch all die Zeit her mit jemand zusammen gewesen,” meinte Schwester Käthchen, “du läufst doch nicht allein in der Welt herum?”
Der kleine besann sich, sah sich scheu um und sagte leise:
“Mit dem Scherenschleifer war ich.”
“Ist das dein Vater?”
Er schüttelte den Kopf.
“Die Mutter hat mich ihm verkauft für zehn Mark. Ich hab’s gesehen.”
Die Schwester strich ihm über das dunkle Haar.
“Wie lange bist du denn schon mit dem Scherenschleifer gewesen?”
“Weiß nit. Recht lang. Hab’ müssen die Scheren einholen. Hab’ viel mehr Schläg’ als Essen kriegt. Aber bin ihm doch davong’laufen.
Er lachte laut auf vor Vergnügen.
“Wo ist denn deine Mutter?”
“Sag’ ich nit. Die gibt mich wieder dem Scherenschleifer.”
“Hast du denn keinen Vater?”
“Doch, der ist auch da, und zwei Schwesterln. Aber der mag mich erst recht nit.”
“Geh, sag’ mir, wie du heißest,” bat die Schwester. “Weiß nit,” sagte er wieder. “Also dann nenn’ ich dich “Weiß nit”.
Jetzt lachte er so herzlich, dass die beiden kleinen Kinder aus ihrem Hindämmern auffuhren und die Ärmchen nach der Schwester ausstreckten.
Sie hatte sie gleich beruhigt.
“Sag’ mir wenigstens deinen Vornamen, gelt?”
“Fritzl,” flüsterte er.
Als der Abend kam, fehlte in der Kinderstube eine Menge Dinge. Schwester Käthchen vermisste ihr Portemonnaie, die Bürste an der Wand war weg, das Glas auf dem Tisch. Alles fand sich in Fritzls Bett vor, als die Schwester dieses für den Abend zurecht machen wollte. Der Kleine spielte im Gärtchen des Pfründnerhauses mit den andern Kindern. Als er heraufkam, standen ihm die Hosentaschen weit vom Körper ab. die Schwester fand eine Mütze, ein paar Taschentücher, einen Wollknäuel.
“Das – und alles, was ich im Bett gefunden,” rief sie entsetzt aus, “Fritzl, du stiehlst ja!”
“Er hat mich halbtotgeschlagen, wenn ich nit g’stohlen hab’,” gab ihr der Kleine zur Antwort.
“Weißt du denn nicht, dass man nicht stehlen darf?” Er nickte schlau. “Der Polizeimann ist arg hinterher.”
“Fritzl” – die Schwester kauerte sich zu ihm hin, “sag’ mir eins: warst du denn nicht in der Schul’?”
“Nein.”
“Hast gar nichts gelernt, nicht lesen und schreiben?” “Nein,” wiederholte er, “aber sonst kann ich viel. Pass auf -”
Er stellte sich in die Mitte der Stube und verbeugte sich nach allen Seiten.
“Herrschaften”, begann er und fing an zu schwatzen, tolles Zeug, Räuber- und Mördergeschichten, alles ohne inneres Verständnis bunt durcheinander. Seine Redegewandtheit war außerordentlich, und seine Bewegungen waren so drollig, dass die Kinder nicht aus dem Lachen herauskamen.
Unermüdlich kramte der kleine Komödiant seine Geschichten aus.
Der Polizeiagent, der einmal zu solch einer Vorstellung gekommen war, meinte, der Kleine müsse, seiner Betonung nach, aus Bayern sein. Indes alle Mühe, etwas aus dem Kinde herauszubringen, war umsonst. Der Fritzl war schlau. Er gab auf die Fragen, die man an ihn stellte, immer die gleiche Antwort: “Ich gehör’ niemand, ich bleib bei der Schwester Käthchen.”
Man schickte ihn mit den andern Kindern in die Schule. Bei den sechsjährigen saß er, das freudigste Kind, das jemals auf der Schulbank saß. Ihm war das Lernen kein muss, sondern eine Vergünstigung. Alles, was bei den andern Kindern etwas Selbstverständliches war, kam ihm wie etwas Wunderbares, nie Geahntes vor, bis auf das Zehnuhrbrot, das ihm Schwester Käthchen jeden Morgen zusteckte. Seine Augen glänzten in steter Verwunderung.
Es kam auch vor, dass er in der Nacht auffuhr und in ein verzweiflungsvolles Geschrei ausbrach.
Dann musste Schwester Käthchen ihm die Hand geben und ihm solange versichern, dass der Scherenschleifer weit und breit nicht zu sehen sei, bis er ruhig wurde. Meistens schlief er gleich ein, zuweilen fing er an zu plaudern:
“Mit einem dicken Riemen hat er mich g’schlagen. Einmal hab’ ich viele Tag’ nichts g’sehn, weil’s über die Augen ging. Da hat er mich Hund g’nannt und mir nichts zu essen gegeben. Aber jetzt hab’ ich nie mehr Hunger. Jetzt tut mir’s nirgends mehr weh. Und bald kann ich lesen und schreiben. Gelt, wenn ich das kann, Schwester Käthchen, da tu’ ich aber einen Sprung -.”

Schwester Käthchen rückte ein wenig aus dem Licht der Nachtlampe, damit das Kind die Tränen nicht sah, die ihr in die Augen stiegen. Sie war nicht weich, das viele Elend um sie her hatte sie abgestumpft. Nur indem sie die Dinge leicht nahm, konnte sie ihr schweres Werk mit Fröhlichkeit vollbringen. Die Kinder drängten sich zu ihr wie zur Sonne, weil ihre Augen lachten. Wenn sie um diese armen Kleinen geweint hätte, wäre ihnen nicht damit gedient gewesen.

Aber dieser tapfere Fritzl, an dessen Körper kein heiler Fleck war, dessen Kindheit wohl im wahren Sinn des Wortes ein Martyrium gewesen, wenn der mit seinen leuchtenden großen Augen nun sein Glück pries und alles, was jedes Kind als etwas unermesslich Schönes empfand und, ohne das er das Wort Dank aussprach, mit jedem Atemzuge, mit jedem freudigen Aufleuchten dankte und immer wieder dankte, da überkam Schwester Käthchen etwas wie ein Gefühl der Empörung, der Anklage gegen die ganze Welt, die so etwas zuließ – die solch ungerechtes Kinderleid duldete.
Er war auch unartig, er stieß einmal den beiden Kleinen im Wägelchen die Köpfe so hart zusammen, dass sie brüllten. Schwester Käthchen gab ihm eine Ohrfeige.
Da sah er sie strahlend an. Er war ganz andere Schläge gewohnt; was von Schwester Käthchens Hand kam, dünkte ihm eine Liebkosung.
Sie musste lachen über den Misserfolg ihrer Strafe, sie zog ihn zu sich heran.
“Schau, Fritzl, du musst recht lieb mit ihnen sein, es sind gar so arme Frätzle, die zwei.” “Sei ruhig,” sagte er, “ich heirat’ sie später.”
“Auch noch alle zwei,” lachte sie auf.
“Sonst blieb ja eins allein,” meinte er.
Weihnachten war in Sicht, und Schwester Käthchen saß in der großen Kinderstube zwischen ihren Schützlingen – Kinder, die nie Elternliebe gekannt hatten oder den Misshandlungen ihrer Eltern entrissen worden waren. Nun saßen oder lagen oder standen sie um Schwester Käthchen herum, die einen Haufen Kinderwäsche zum ausbessern vor sich hatte und vom Christkind erzählte. “Traurig war die Welt und dunkel. Ach, so dunkel und kalt. Kein Mensch war froh. Auch kein Tier. Es war ein so großes Frieren. Da hatte der liebe Gott Erbarmen. Er schickte das Christkind. Und das Christkind kam. Vom Himmel hoch kam’s herab und zündete das Bäumlein an mit tausend lustigen Lichtern, dass es warm wurde auf der kalten Erde und hell und froh, dass alle Kinder jauchzten und schöne Lieder sangen und niemand mehr traurig war auf Erden.”
So sprach sie und noch vieles andere. Dass sie nun alle brav sein müssten und folgsam. Nicht mit leeren Händen dürften sie vor den Christbaum treten.
“Ich habe meine Suppe aufgegessen,” müssten sie zum Christkind sagen können. “Ich habe meine Schürze reingehalten.” “Ich war nicht gefräßig.”
Solche Dinge müssten sie dem Christkind bringen. Auch die heiligen drei Könige, die von weither dem Stern zu Bethlehem nachgezogen seien, hätten dem Christkind eine Menge schöner Sachen mitgebracht.
Die kleinen Mädchen saßen längst um die Perlenschachtel, um Kränzlein zu machen für den Weihnachtsbaum.
Der Fritzl aber wollte immer noch von den heiligen drei Königen erzählt haben.
“War er sehr groß, der Stern zu Bethlehem?” lauteten seine Fragen.. “Ich hab’ viele Stern’ schon g’sehn. War er viel größer, viel schöner? Glaubst, dass er noch manchmal am Himmel steht, wenn auch die heiligen drei Könige jetzt tot sind? Gelt, sag’ mir, wenn er am Himmel steht, und ich sollt’ grad schlafen.”
Schwester Käthchen versprach ihn zu wecken. Da gab’s ein großes Geschrei. Sie wollten alle geweckt sein. Wollten alle den Stern sehen.
Ach, so groß wie die Seligkeit in der armen Kinderstube, so heiß die Erwartung – eine Erwartung und Sehnsucht, wie sie jene Hirten und Könige einstens empfanden, dass sie kamen von allen Seiten und nichts wollten, und nichts begehrten als anzubeten, niederzusinken vor dem Heile der Welt, das endlich gekommen. Aber so wie den Fritzl, so gewaltig ergriff die Erregung keins der Kinder. Er störte sie alle. Er wusste nicht, was anstellen vor mächtiger Freude. Er schwatzte den ganzen Tag.
Ihm hatte das Christkind noch nie einen Baum angesteckt. Ihm war das alles so neu, so wunderbar neu. Eine Sehnsucht ergriff ihn, etwas zu geben, Schwester Käthchen eine Freude zu machen.
“Weißt, jetzt will ich dir’s sagen, wo meine Mutter wohnt,” begann er, den Arm um den Hals der Schwester schlingend, “in München wohnt sie bei einer großen Wiese. Siehst, jetzt sag’ ich dir alles. Und dass sie mich auf die Gass’ gejagt, wie sie den Schwesterln einen Baum g’macht. Hab’ die Lichter durchs Fenster g’sehn. Hast eine Freud’ jetzt?”
Nein, sie hatte keine, sie hatte keine! Wie oft hatte sie ihn gefragt, wo er zu Hause sei, ihm gedroht, er müsse ihr sagen, wo er zu Hause sei, wo seine Eltern wohnten. Immer wieder war nachgefragt worden, ob man nichts von ihm wisse, ob er noch immer nicht gesprochen. Und jetzt gerade vor Weihnachten, hatte er’s getan. Wenn sie es nun sagte, so würde man ihn am Ende holen und heimbringen zu jener Mutter, die ihn auf die Gasse gejagt, während sie ihren andern Kindern einen Baum angesteckt.
Nein, nein, sie wollte sein Geheimnis nicht verraten. Er sollte seine Weihnacht noch haben, ehe er in die Heimat ausgeliefert wurde.
Sie schwieg. Sie war doppelt gut zu ihm.
Und endlich kam der heilige Abend, und Fritzl trat mit den Kindern vor den Baum mit den vielen Lichtern und dem glänzenden Stern obenan.
“Da ist er ja, da ist ja, der Stern,” schrie er ganz außer sich vor Freude.
Aber er wurde zurückgehalten. Die Kinder sangen mit den Schwestern, und die alten Pfründnerinnen sangen mit und vergaßen ein wenig ihre Gebrechlichkeit.
Der Fritzl aber konnte fast nicht stillhalten. All das Singen, all das Reden dauerte ihm viel zu lang. Er war der erste, der vor der Krippe mit dem Christkind stand. Und siehe da, einen Haufen Sachen zwängte er aus seinen Taschen, lauter entwendetes Gut, und legte es stolz und glückselig vor das Christkind hin, rühmte sich noch damit, hielt die Kinderhäubchen, schmutzige Taschentücher, Griffel, Bleistifte hoch, hoch – “Und das – und das – schau alles, das schenk’ ich dir -”
Nein, es konnte keiner zanken. Man konnte nichts sagen vor Lachen.
Schwester Käthchen meinte entschuldigend: “Er hat mich ein wenig missverstanden. Ich wird’s ihm schon klarmachen,” und nahm ihn beim Kopf.
“Weißt, Fritzl, Gestohlenes darf man dem Christkind nicht bringen.”
“Aber sonst hab’ ich ja nichts,” meinte er.
Die Tage vergingen und Schwester Käthchen hatte noch immer nichts gesagt. Sie konnte es nicht übers Herz bringen.
Der Januar ist so kalt, kam sie mit sich überein, ich will noch ein wenig abwarten.
Der Februar war auch noch kalt.
Jetzt wurde der Polizeiagent dringend.
Also dann sprach sie.
Und eines Morgens richtete sie ein kleines Bündel zusammen. Der Gendarm stand schon vor der Türe. Schnell befestigte sie eine Schnur mit einem Medaillon um den Hals ihres Lieblings, küsste ihn und schob ihn über die Schwelle. Sie zitterte, sie hielt die Türe fest zu. Im nächsten Augenblick hörte sie ihn schreien, markerschütternde Töne waren’s.
Schwester Käthchen warf sich über ihr Bett und schluchzte und schwor und schwor: “Ich werde kein Kind mehr lieben – ich werd’ kein Kind mehr lieben – ” Aber es kamen neue Kleine und mit ihnen neues Elend. Sie hatte keine Zeit, ihrem Schmerz nachzuhängen. Die ihr anvertrauten Kinder verlangten ihre Gegenwart, verlangten stürmisch nach ihrer Heiterkeit.
Und so wurde sie wieder die alte. Sie vergaß ihn nicht, den Fritzl, aber sie hatte sich beruhigt, und bald vergingen Tage und Wochen, ohne dass sie seiner gedachte.
Als aber Weihnacht wieder vor der Tür stand, ging’s ihr ganz seltsam. Sie wehrte sich, sie wollte nicht, aber der Fritzl ging ihr nicht aus dem Sinn. Eine große Unruhe erfasste sie. Die Frage ließ sie nicht los: Wie wird es ihm gehen – wie wird es ihm gehen?
Wieder verfertigten die kleinen Mädchen Perlenkränzlein für den Weihnachtsbaum, und wieder erzählte die Schwester die alte und ewig neue Geschichte vom Christkindlein, das in die dunkle kalte Welt das Licht und die Freude gebracht.
Im Kinderwagen lagen zwei neue Geschöpfchen, und die vom letzten Jahr krabbelten auf dem Boden herum. Schwester Käthchen sah sich unter ihren Schützlingen um, und es fuhr ihr durch den Sinn: So wie über den Fritzl hab’ ich doch nie wieder über ein Kind lachen müssen. Wie wär’s doch schad’ um ihn, wenn er zugrund’ gehen müsste.
Der Schnee schlug gegen die Fensterscheiben. Es war ganz still auf der Gasse, so tief und weich war die Decke über dem Erdboden.
“Wird sie ihn am End’ wieder hinausschicken, wenn sie ihren andern Kindern beschert?” murmelte Schwester Käthchen vor sich hin.
Eine Magd erschien unter der Türe.
“Ein Bub’ verlangt nach Ihnen, Schwester Käthchen. Er ist so schmutzig, dass ich ihn nicht reingelassen habe.” Schon war sie draußen. Sie fragte nicht lange, wer das zitternde, weinende Geschöpf da in der Ecke war – sie nahm’s in ihre Arme.
Eine Stunde später lag der Fritzl wieder in seinem alten sauberen Bett mit noch größeren Augen als früher und einen Appetit, der nicht zu stillen war. Die Oberschwester kam, und alle Schwestern und Kinder umstanden sein Bett.
“Gelt aber, ich bin noch recht kommen,” nickte er ihnen zu, “hab’ immer denkt, wenn ich nur zur heiligen Nacht daheim bin.”
“Willst du uns nicht erzählen, wie dir’s ergangen ist?” fragte Schwester Käthchen.
“Freilich,” nickte er, “o, `s ist mir gut gangen, nur wie ich in München ankommen bin, hat mich die Mutter an der Hand packt wie ein Stück Holz. Die Schwesterln haben sich auch nit g’freut. Der Vater hat g’sagt: “Ich geh’ auf den Abend ins Wirtshaus.” Dann hat die Mutter g’sagt, sie woll’ mich in der Küch’ füttern. Hat mir auch recht schön’s Essen geben. Aber der Vater ist doch ins Wirtshaus. Die Mutter hat g’heult, ich glaub’, er hat sie g’schlagen. Ich sei an allem schuld, hat sie g’sagt.” “Bist auch in die Schul’ gangen?” fragte Schwester Käthchen.
“Freilich”, nickte er, “er war recht zufrieden, der Lehrer, hat mich nie g’hauen. Kann’s Einmaleins fast -” “Aber warum bist denn von daheim fort?” erkundigte sich die Oberschwester.
“Ja, das war – das war halt so -: Am Tisch sind wir g’sessen, die Schwesterln und ich, ohne Licht. Aber ich seh’ auch im Dunkeln. Die Mutter ist reinkommen, bin erschrocken über ihr Gesicht. Da setz’ dich her,” hat sie zu mir g’sagt und mich unten an’ Tisch zogen. Drauf ist sie wieder gangen. Die Schwesterln waren ganz still und ich auch. Eine Angst hab’ ich gehabt wie vor dem Scherenschleifer. Da bin ich schnell über den Tisch weg ans Fenster. Die Mutter ist gleich reinkommen mit einer dampfenden Schüssel. Über den Stuhl, wo ich g’sessen bin, hat sie die Schüssel fallen lassen. Hab’ sie laut schreien hören. Weit schon war ich, draußen auf der Gass’, hab’ ich sie noch immer schreien hören. – Da bin ich g’laufen – ”
Er schwieg. Die Kinder lachten. Es lag so viel Lustigkeit in seiner Stimme. Sie merkten nicht, wie sich Schwester Käthchen über die Augen wischte.
“Wer hat dir denn das Geld zum Herfahren gegeben?” fragte die Oberschwester.
Er sah sie lachend an: “Mit hat kei’ Mensch Geld geben, hab’ halt ein Fuß vor den andern g’setzt. Vorwärts marsch, wie der Scherenschleifer g’sagt hat’.” Die Kinder jubelten.
Schwester Käthchen schlug die Hände zusammen: “Zu Fuß von München bis hierher! Ist das möglich!”
“Ist sogar recht schön gewesen,” behauptet Fritzl, “bin immer der Eisenbahn nach. Hab’ auch oftmals zu essen kriegt unterwegs, manchmal eine Supp’ und einmal einen Pfannenkuchen. In der Nacht bin ich in die Heustadel gekrochen oder in Stall. Einmal hab’ ich g’meint, ich seh’ den Scherenschleifer. Da bin ich vor Angst zu einem Hund in die Hütt’. Er war aber recht gut und hat mich g’leckt. Die ganze Nacht hab’ ich bei ihm g’schlafen, und in der Früh haben mir seine Leut’ Kaffee geben.” “Und dann? Und dann?” riefen die Kinder. Ganz eng umstanden sie das Bett. “Dann hab’ ich einen Purzelbaum g’schlagen und dann noch einen,” prahlte Fritzl.
“Wie lang’ warst du denn unterwegs?” fragte die Oberschwester.
“Weiß nit,” meinte er achselzuckend, “vielleicht war’s zweimal Sonntag. Nur haben die Sohlen nit g’halten. Da haben mir die Füß’ halt weh g’tan. Hol’s der Teufel, hab’ ich denkt.”
Das jugendliche Publikum schrie vor Vergnügen. Er schnitt eine Grimasse: “Hol’s der Teufel,” wiederholte er zwei-, dreimal.
Jetzt drängte die Oberschwester: “Und dann?”
“Dann – ja dann hat mit eine Frau ein Paar Schuhe geben. Jetzt haben die auch wieder nit g’halten. Wenn s’ mich gar so brennt haben, die Füß’, hab’ ich an den Stern von Bethlehem denkt, dem die heiligen drei König’ nach sind bis hin zum Christkindl. Da hab’ ich denkt, was die heiligen drei König’ können, das muss doch der Fritzl auch können.”
Schwester Käthchen streichelte ihm die Wangen: “Dass du alles so schön behalten hast, was ich dir vom Christkind erzählt.”
Er machte ein höchst pfiffiges Gesichtchen: “Will dir’s verraten – nit ein einziges Mal hab’ ich g’stohlen – und weißt warum? Dass mich halt `s Christkindl dafür bei dir lasst. – Glaubst, `s ist so g’scheit?” setzte er fragend hinzu.
Schwester Käthchen setzte noch in der gleichen Stunde eine frische Haube auf und nahm ihren Kragen um. Spornstreichs ins Schloss rannte sie. – Die Landesherrin hatte sich der allzeit heiteren Schwester von jeher gnädig gezeigt. Es verging keine Woche, ohne dass die hohe Frau das Armenheim besuchte. Als sie Schwester Käthchen, nachdem ihr der Fritzl entrissen worden war, mit rotgeweinten Augen antraf, musste das Mädchen beichten, und von diesem Augenblick an wurde sie erst recht von der Landesherrin ausgezeichnet. Zu ihr nun eilte Schwester Käthchen. Und kam selig und strahlend von ihrem Wege zurück. Eben trat der Polizeiagent mit der Oberschwester aus der Kinderstube.
“Schwester, Schwester,” schrie der an allen Gliedern zitternde Kleine der Eintretenden entgegen, “er will mich wieder fortnehmen – o Schwester, wie war der Weg so weit – und jetzt seh’ ich ihn am End’ doch nit, den drei heiligen Königen ihren Stern . . . ”
Da kniete sie neben ihm hin: “Fürcht’ dich nicht, Fritzl, sei froh, es darf dich keiner mehr von hier wegnehmen. Ich hab’s für dich in der Tasche zum Weihnachtsgeschenk. Fritzl bleibt unser Kind. Darfst es aber dem Christkinde nicht verraten, dass ich dir’s vorher gesagt hab’.”
Er lächelte, indem er tief, wie von einer schweren Last befreit, aufatmete. Schon im nächsten Augenblick schlief er, seligen Frieden auf dem blassen, von Leiden und Entbehrungen so hart gezeichneten Kindergesicht.

Ein Weihnachtsmaerchen

Wednesday, October 28th, 2009

Ein Weihnachtsmärchen von Heinrich Seidel (1842-1906)

Es war einmal ein armer Student, der war recht einsam und allein und hatte keinen Menschen auf der weiten Welt, der sich um ihn gekümmert hätte. Und er hätte doch so gerne jemanden gehabt, den er so recht innig hätte lieben können.

Manchmal saß er wohl in den schönen Sommernächten, wenn der Mond schien, am offenen Fenster seiner kleinen Dachstube und schaute hinaus über die Dächer der großen Stadt, wie sie im Mondenlichte dalagen, und dann dachte er: ob wohl unter diesen Dächern ein Herz noch einmal für ihn schlagen möge, ob er in dieser großen weiten Stadt noch einmal jemand finden werde, der ihn so recht lieb habe, und den er so recht lieb haben könne vom Grunde seines Herzens. Und der Mond schien ihm voll ins Antlitz, und die Sterne blitzten hell hernieder. Ferne standen dunkel und schweigsam die hohen Kirchentürme, und das Rollen und Brausen der großen Stadt drang zu ihm herauf, der großen Stadt, darin er so ganz allein war.

Er war sehr fleißig und arbeitete wohl den ganzen Tag. Wenn dann der Abend kam, eilte er durch das Drängen und Treiben der Stadt ins Freie und freute sich an den lustigen Spielen der Kinder und über die fröhlichen Spaziergänger oder suchte sich eine einsame Stelle, um ungestört seinen Gedanken nachzuhängen.

Eines Tages im Sommer, als er so in der Dämmerung durch die Straßen ging, begegnete ihm ein Mann mit einem Hundekarren. Das war ein recht sonderbarer Mann. Er war nicht groß und etwas buckelig und trug einen langen, grauen Rock mit großen Taschen darin. Ein großer schwarzer Hut mit breiter Krampe verdeckte sein kleines graubärtiges Gesicht, so daß, wenn er mit seinen tiefliegenden, dunklen Augen jemanden ansehen wollte, er den Kopf ganz in den Nacken legen mußte. Er sah mit dem zugeknöpften langen Rocke und dem breitkrämpigen Hute beinahe wie ein riesiger Pilz aus.

Sein Hund war grau und langhaarig, hatte krumme Beine und einen zottigen Kopf mit klugen Augen. Der Mann ließ seinen Wagen auf der Straße stehen und ging in die Häuser, denn er kaufte Lumpen, Knochen und alle solche Dinge, welche kein Mensch mehr gebrauchen konnte. Hermann sah dem grauen Mann eben nach, wie er in ein Haus ging, als ein Straßenjunge ankam und den armen grauen Hund, der sich nicht wehren konnte, mit einem Stocke neckte. Als der Hund knurrte und bellte und nach dem Stocke schnappte, fing er sogar an, ihn zu prügeln, indem er sich an dem Gewinsel des armen Tieres ergötzte. Hermann geriet in gewaltigen Zorn darüber, riß dem Jungen den Stock aus der Hand und, indem er ihn herzhaft damit prügelte, sagte er: »Warte nur, du sollst auch einmal fühlen, wie das tut.« Der graue Mann war eben wieder aus der Tür getreten und bat Hermann einzuhalten. »Lassen Sie den Jungen nur laufen, er wird es gewiß nicht wieder tun«, meinte er. Hermann ließ den brüllenden und ganz verdutzten Jungen los und streichelte den Hund, der ihm dankbar die Hand leckte. Der alte Mann sah aber den armen Studenten recht freundlich an, drückte ihm die Hand und sagte: »Das will ich Ihnen gedenken . . . komm Bello.«

Hermann hörte noch, wie der alte Mann und sein Bello weiter fuhren, daß er vor sich hinmurmelte: »Das will ich ihm gedenken.« Und Bello wedelte dazu mit dem Schwanze, als wolle er dasselbe sagen.

Oft noch begegnete Hermann dem Lumpensammler auf der Straße; dann nickten sie sich einander freundlich zu und Bello sprang und bellte vor Freude. Der Sommer verging, es ward Herbst, bald fielen die ersten Schneeflocken, und dann kam die schöne Weihnachtszeit.

Der arme Student hatte aber keinen Menschen, der ihm etwas geschenkt hätte, keinen Menschen, der an diesem Abend seiner gedachte.

Am heiligen Abend, als es dunkel wurde, wanderte er durch die Straßen der Stadt, durch das Treiben und Drängen des Weihnachtsmarktes und war recht traurig und allein.

Er bog in eine dunkle Gasse, es wurde ihm so weh in dem bunten Treiben; da hörte er sich plötzlich angerufen und sah den alten grauen Mann m der Tür eines verfallenen Hauses stehen. Bello sprang ihm fröhlich entgegen. »Kommen Sie herein«, sagte der Mann. »Heute will ich Ihr Weihnachtsmann sein.« Er führte ihn in ein kleines warmes Stübchen. Eine Lampe stand auf dem Tische, davor lag eine aufgeschlagene Bibel. An den Wänden waren auf Borten allerlei Gegenstände aufgestellt, brauchbare und nicht brauchbare Dinge: Bücher und Gläser, Kochgeräte und alte Bilder, zerbrochene Töpfe und tausend andere Gegenstände, wie sie im Laden eines Trödlers sich finden.

Hermann und der alte Mann setzten sich an den Tisch. Dieser setzte eine große Hornbrille auf und las mit zitternder Stimme das Weihnachtsevangelium. Andächtig saß Hermann und hörte zu, und Bello spitzte seine Ohren und sah seinen Herrn so klug an, als ob er alles verstände. Die zitternde Stimme des Alten aber hob sich mehr und mehr, und klar und deutlich schloß er mit dem Spruche der Engel: »Ehre sei Gott in der Höh’ und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.«

Dann kramte er in einem Auszuge herum und brachte eine Flasche Wein und einen großen Kuchen herbei. »Jetzt wollen wir Weihnacht feiern, sagte er, und Kuchen essen und Wein trinken. Heut ißt alle Welt Kuchen, und Bello bekommt auch welchen . . . das soll uns schmecken, nicht Bello?« Er schenkte den Wein in zwei funkelnde geschliffene Kristallgläser und forderte Hermann auf zu trinken. Wie duftete das. Wie feurig rollte ihm das Blut durch die Adern; es war ihm, als verdufte der Wein ihm auf der Zunge, er glaubte, lauter Geist zu trinken. Wie anders erschien ihm jetzt das ärmliche Gemach des Trödlers. Kostbare Vasen und herrliche Glasgefäße, die er zuvor für zerbrochene Töpfe gehalten, schimmerten an den Wänden. In den Ecken und Winkeln raschelte und huschte es geheimnisvoll; zuweilen schien es ihm, als sähen bärtige Zwergenköpfe hinter den mächtigen, goldverzierten Büchern hervor oder guckten aus den bunten Vasen heraus. Aber, wenn er schärfer hinsah, war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Der Alte hatte sich einen bunten Schlafrock angezogen und eine hohe, spitze Mütze aufgesetzt, so daß er aussah wie ein Zauberer.

»Jetzt besehen wir Bilder«, sagte er und legte einen großen Folianten auf den Tisch. Dann schlug er das Buch auf und berührte die Bilder mit einem bunten Stäbchen. Da war es, als würde alles lebendig.

Wie das lebte und wimmelte; das war ein Weihnachtsmarkt. Da waren Läden mit Spielsachen und bunten Pyramiden. Wie die Lichter schimmerten! Die Menschen gingen und kauften.

Dort standen auch Tannenbäume. Eine arme Frau hatte sich einen ganz kleinen Tannenbaum gekauft. Ihre beiden kleinen Kinder hatten sie ans Kleid gefaßt und waren sehr glücklich; nun bekamen auch sie einen Tannenbaum. Hermann glaubte, das Rufen der Verkäufer und die klagenden Töne der Drehorgel zu hören. Gingen nicht die Leute durcheinander? Das war ja kein Bild, das lebte alles und war wirklich . . . »Umschlagen!« befahl der alte Mann; und Hermann glaubte, einen Zwerg unter dem Blatte zu bemerken, welcher rasch umschlug und dann verschwand, als wäre er in das Bild hinein gekrochen.

Das war ein Seesturm. Wie die Wellen wogten und schäumten! Ein Schiff tanzte auf den Wellen; das Wasser spritzte über das Deck hin.

Das war ein Weihnachtsabend auf dem Meere. An der Leeseite, geschützt vor Wellen und Wind, saßen Matrosen und rauchten und schwatzten miteinander.

Den Arm um den Mast geschlungen, stand aber unbekümmert um Wind und Wetter der braune Schiffsjunge. War es Salzwasser oder waren es Tränen, die sein Gesicht benetzten? Jetzt sprangen seine Geschwister um den grünen, strahlenden Tannenbaum, jetzt dachte seine Mutter an ihn und weinte wohl und betete für den Sohn auf dem weiten, wilden Meer. Es war Weihnachtsabend und er noch so jung.

Ein anderes Blatt ward aufgeschlagen.

Das war eine lustige Gesellschaft. Auf dem Tische stand ein Tannenbaum mit vielen Lichtern. Studenten saßen um den Tisch und tranken Punsch; sie wollten auch Weihnacht feiern auf ihre Weise. An dem Tannenbaum hingen allerlei närrische Sachen: Kinderflöten, Hampelmänner und komische Puppen mit großen Köpfen. Drunter lag Papier und Körbe standen umher. Da hatten sie ausgepackt, was ihnen aus der Heimat geschickt war. Briefe und Geschenke waren dabeigewesen von Eltern und lieben Verwandten und wollene Strümpfe und viele Pfeffernüsse.

Der eine hatte eine Mettwurst gefaßt und sah sie an, als wolle er sagen: »Na, du sollst mir schmecken!« Es saß auch einer etwas an der Seite; der hatte eine bunte gestickte Brieftasche in der Hand und küßte sie heimlich. Und es war Hermann, als höre er Gläserklingen und fröhliches Gelächter.

Nun sah er ein trauriges Bild.

Der Vater lag auf dem Sterbebette. Die Mutter hatte die Hände unter seinen Kopf gelegt und hielt ihn, daß er seine Kinder noch einmal sehe. Die standen um das Bette herum und weinten. Es war auch ein kleiner blonder Krauskopf dabei, der weinte recht erbärmlich. Aber er weinte wohl nicht um den Vater, denn sein kleiner Verstand begriff noch nicht, was sterben heißt, er weinte, weil er nicht lachen und springen durfte und weil er keinen Tannenbaum haben sollte, wie die anderen Kinder, und das ist ein großes Herzeleid.

Und die Blätter wurden umgeschlagen, und Hermann saß und schaute und vergaß alles um sich her und lachte und weinte vor Freude über alles Herrliche, was sich seinen Blicken zeigte.

Immer lebendiger wurden die Bilder; ihm war, als schaue er in einen Rahmen hinein in die wirkliche Welt.

Als nun das Buch zu Ende war, rauschten die Blätter und wuchsen und breiteten sich aus. Grüne Tannenzweige schossen zwischen den Blättern auf, höher und höher, und lichte Funken sprühten dazwischen. Aus den Wänden drängte es sich hervor grün und lustig, die Decke wuchs, höher und höher, es war, als drängten die Tannenzweige sie auseinander. Lichter flimmerten auf den Zweigen, und aus dem Fußboden sproßten mächtige Blumen mit geschlossenen Knospen. Sie taten sich auf mit süßem Duft, und lustige Gestalten schwebten hervor mit zarten Flügelchen. Sie flogen anmutig durch die Luft, und als Hermann aufsah, war aus den Blättern des Buches ein mächtiger Tannenbaum hervorgewachsen mit tausend strahlenden Lichtern.

Die lichten Gestalten umschwebten ihn und flatterten und spielten zwischen den grünen Zweigen.

Hermann bemerkte jetzt, daß er ganz allein sei. Plötzlich aber taten sich die Tannenzweige voneinander, und ein schönes Mädchen trat hervor in einem weißen Kleide mit einem Fichtenkranz im Haar. Sie nahm Hermann bei der Hand, und sie stiegen wie auf einer Wendeltreppe hinauf in den mächtigen Tannenbaum. Hermann wagte nicht zu sprechen; ihm war so feierlich zu Mute, und das Mädchen war so schön. Es war ihm immer, als höre er in der Ferne die mächtigen Töne einer Orgel und den Gesang andächtiger Menschen. Sie stiegen immer höher; zuweilen sah er durch die Zweige den dunklen Nachthimmel mit seinen blitzenden Sternen.

Oben aber sah er plötzlich hinaus über die ganze Stadt. Die Häuser strahlten und leuchteten im Weihnachtsglanze und fröhliche Stimmen drangen zu ihm herauf. »Sieh empor«, sagte das Mädchen.

Und er sah einen weißen Nebel am Himmel, der zerriß plötzlich, und es war, als sehe er mitten in den Himmel hinein. Da schwebten in strahlenden Wolken Engel in weißen Gewändern auf und nieder und trugen Palmzweige in den Händen und sagen: »Ehre sei Gott in der Höh’, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.«

»Aber es ist nun hohe Zeit, daß Sie nach Hause gehen«, schnarrte ihm plötzlich die Stimme des alten Trödlers ins Ohr, »es ist bald Mitternacht.« Und da saß er wieder am Tische, und alles sah ganz gewöhnlich aus. Das Buch war fort und der Alte kramte in einer Schieblade. »Sie schliefen wohl recht schön?« meinte er jetzt. »Habe ich denn geträumt?« sagte Hermann ganz verwirrt. »Gehen Sie zu Bette, Sie sind müde«, sagte der Alte, »und hier will ich Ihnen auch etwas schenken, das kann ein fleißiger Student wohl gebrauchen.« Damit drückte er ihm ein altes, wunderlich geformtes Schreibzeug in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Und als Hermann durch die gasbeleuchteten Straßen nach Hause wankte, da war es ihm wie ein Traum.

Als Hermann am anderen Morgen spät erwachte, glaubte er, er hätte alles geträumt; aber da sah er das Schreibzeug auf dem Tische stehen, welches ihm der alte Mann geschenkt hatte. Alle die bunten Bilder zogen an seinem Geiste vorüber, welche er am vergangenen Abend geschaut hatte.

Er stand auf und sah aus dem Fenster. In der Nacht war Schnee gefallen. Da lagen alle die weißen Dächer im Sonnenschein, der Himmel war klar, die Sperlinge zwitscherten, und die Luft war voller Glockenklang. Das war ein schöner Weihnachtstag.

Als Hermann zur Kirche ging, sah er an den Fenstern die Kinder mit ihren neuen Spielsachen spielen.

Sie hatten alle neue Weihnachtskleider an und glückliche Augen und selige Gesichter. Vor einer Haustür stand ein ganz kleines Mädchen mit ihrer größeren Schwester. In der einen Hand hatte sie eine Puppe, in der anderen eine Pfeffernuß. »Da Mann«, sagte sie und hielt Hermann die Pfeffernuß hin. Wie lachte sie vergnügt, als Hermann sie wirklich nahm und dankend weiter ging.

Der erste Weihnachtstag ging zu Ende. Hermann saß einsam in seinem Stübchen am Tische. Traulich leuchtete die Lampe, und lustig brannte das Feuer im eisernen Ofen. Er hatte einen Bogen weißes Papier vor sich und betrachtete nachdenklich das Schreibzeug. Dasselbe war zierlich aus Metall gearbeitet, es befand sich ein Sandfaß, ein Dintenfaß und ein Behälter für Stahlfedern darin. Zierliche, von durchbrochenem Blätterwerk gebildete Ranken, anmutig durchflochten, bildeten das Gestell. Zwischen den Blättern saßen niedliche Eidechsen, Käfer und Schmetterlinge. Zwergengestalten mit bärtigen Gesichtern lugten hier aus den Ranken und dort aus den Blumen neigten mit halbem Leibe leichte Elfchen sich vor. Ja zuweilen war es Hermann, als lebe alles und bewege sich durcheinander, aber dann war alles wieder starr und steif. In der Mitte aber, wie in einer kleinen Grotte, saß unter den Blättern ein feines, zierliches Mädchen mit einem Krönchen auf dem Haupte und einem Stäbchen in der Hand; das war so fein und zart gearbeitet, daß Hermann kein Auge davon verwenden konnte.

Ihm war, als müsse er etwa schreiben.

Als er die Feder ins Dintenfaß tauchte, fühlte er einen leisen Schlag und ein Zucken in den Fingern, und jetzt sah er deutlich: der eine der Zwerge nickte ihm zu, und jetzt auch die anderen, und dann war alles Leben und Bewegung. Die Ranken dehnten sich aus und wuchsen und breiteten sich über den Tisch. Prächtige Blütenbäume schössen in die Höhe und sandten rankende Zweige und blumige Schlingen nach allen Seiten. Die Zwerge kamen hervor und verschwanden wieder zwischen den Ranken. Köstliche Blumen, rot, weiß und blau, taten sich auf; aus jeder schwebte ein Elfchen hervor und flatterte dann in das Blütengewirr hinein. Bis zur Decke hinauf war nun alles voller Blüten und Blätter und zierlicher Ranken. Schmetterlinge gaukelten dazwischen, große glänzende Käfer krochen an den Stengeln, und schillernde Eidechsen schlüpften durch die blumigen Gewinde.

Da taten sich die Zweige voneinander, liebliche, lustige Musik erklang, und hervor aus dem Blumengewirr kam ein wunderlicher Zug. Voran bärtige Zwerglein mit blitzenden, goldenen Trompeten, gebogenen Hörnern, kleinen Pauken und lieblichen Flöten. Dann folgten andere Zwerge in goldblitzenden Harnischen auf gewaltigen Hirschkäfern reitend. Sie trugen kleine Lanzen in den Händen, und es war lächerlich anzusehen, wie gravitätisch sie auf ihren braunen Rößlein saßen, und wie die dicken Käfer mit ihren sechs Beinen sich bemühten, nach dem Takte zu marschieren. Hinterher kam eine leichte Elfenschar marschiert mit spitzen Hüten, scharfe Grashalme als Schwerter in den Händen tragend. Aber die liefen ein wenig durcheinander, denn das Elfenvolk ist viel zu windig, um ordentlich zu marschieren.

Jetzt klangen silberne Glöcklein, und zierliche, weiße Elfenmädchen tanzten herbei, kleine Glöckchen an schwanken Stielen in der Hand, und darauf folgte auf einem von Blüten geflochtenen Throne, getragen von zwölf Elfen, ein wunderschönes Mädchen in weißem, duftigem Kleide, ein goldenes Krönchen auf dem Kopfe und ein weißes Stäbchen in der Hand. Zur Seite gingen graubärtige Zwerge in flimmernden Schuppenpanzern mit blanken Hellebarden bewaffnet. Über dem Thron und hinter demselben, ihn von allen Seiten umschwärmend, tummelten sich lustige, flinke Elfen auf prächtigen Schmetterlingen. Sie trugen blitzende Lanzen in der Hand, so fein und glänzend wie ein Sonnenstrahl. Dann folgten wieder Mädchen mit Glöckchen in den Händen, dann eine Schar lustiger Elfen, und zum Schluß kamen auf flinken Eidechsen geritten schwarzbärtige Zwerge mit Turbanen und krummen Säbeln.

Der Thron wurde in der Mitte hingesetzt, und die bunten Scharen stellten sich zu beiden Seiten desselben auf, bis auf die leichten Schmetterlingsreiter, welche lustig in der Luft auf ihren bunten Pferdchen umherschwärmten. Jetzt bliesen die Musikanten einen dreimaligen Tusch, und alle Zwerge und Elfen riefen mit ihren feinen Stimmen dreimal Hurra, so laut sie konnten.

Dann erhob sich das Mädchen von seinem Sitze, verneigte sich dreimal vor Hermann und sprach: »Mein Gebieter und Herr, wirst Du mir und meinem Volke erlauben, heute Nacht ein Fest hier zu feiern?« »Wer bist Du?« fragte Hermann, von all’ dem Wunderbaren ganz verwirrt. »Ich bin das Märchen«, sprach sie, »und deiner Feder untenan, gnädiger Gebieter.« Und Hermann nickte mit dem Kopfe, denn er wußte nicht, was er dazu sagen sollte.

Da bildete die lustige Schar einen Halbkreis, welcher an der Seite, wo Hermann saß, offen blieb. Die Elfen und Zwerglein saßen auf der Erde, dahinter die Elfenmädchen auf einer Erhöhung, in der Mitte die Königin. Die Hirschkäfer und die Eidechsen wurden in das Moos gelassen, und die Schmetterlingsreiter banden ihre lustigen Pferdlein mit Spinnenfäden an die Blumen, damit sie sich am Blumensaft erquicken möchten.

Nun begannen die lustigsten Spiele.

Da tanzten Elfen auf ausgespannten Spinnenfäden, kleine Mädchen liefen auf rollenden Tautropfen. Ein dicker Zwerg balancierte eine Königskerze in seinem Gürtel; Elfen kletterten hinauf, und ganz oben stand ein kleiner Knabe auf der Zehenspitze.

Das war ein Kraftstück, und alle klatschten in die Hände und riefen: »Bravo! Bravo.«

Dann wurden Kampfspiele aufgeführt.

Zwölf Mann von der Hischkäferreiterei kämpften mit zwölf Mann von den Eidechsenreitern. Wie tapfer hieben sie aufeinander los! Die kleinen Säbel klirrten und hageldicht fielen die Schläge auf die blinkenden Panzer. Die Hirschkäfer fochten eifrig mit und kniffen die armen Eidechsen ganz jämmerlich mit ihren harten Zangen. Der eine hatte eine Eidechse beim Schwanz gepackt. Diese suchte zu entfliehen, trotz allen Spornens; der Reiter aber hatte sich umgedreht und verteidigte sich gegen den Hirschkäferreiter, er bewies, daß er auch im Fliehen zu fechten verstand.

Jetzt folgte ein Luftgefecht. Da schwirrten die leichten Reiter auf ihren flinken Schmetterlingen durch die Luft, bald über-, bald untereinander. Das war ein buntes Getümmel. Zuweilen stürzte einer nieder zur Erde, aber wie ein Blitz war er wieder auf den Beinen, bestieg ein anderes Pferdchen und war wieder mitten dazwischen.

Nun wurde getanzt. Das war einmal eine komische Musik. Da kamen die Zwerge angewackelt mit Hacken auf den Schultern und kleine, blaue Lichter auf dem Kopfe tragend. Jeder hatte einen blitzenden Edelstein oder ein Stück schimmerndes Erz in der Hand. Sie bildeten einen Kreis, tanzten dann zur Mitte und legten die Steine alle auf einen Haufen. Dann tanzten sie mit wunderlichen Sprüngen umher, während sie mit brummenden Stimmen zu dem Takte der Musik sangen und dabei häufig mit dem Fuße stampften: »Kleine Zwerge, tief im Berge, müssen graben, müssen hacken, und sich placken, Tag und Nacht, auf und ab, Klipp und Klapp, Trapp, Trapp. Kleine Zwerge, tief im Berge« . . .

Und während sie so stampften und sprangen, sanken sie allmählich immer tiefer in den Boden. Bald sahen nur noch die bärtigen Gesichter hervor. Dann versanken sie ganz, und nur die blauen Flämmchen flackerten noch an den Stellen, wo sie verschwunden waren. Man hörte noch ganz dumpf unter der Erde den wunderlichen Gesang: . . . Trapp, Trapp, auf und ab, graben, hacken . . . dann war alles still und die Lichtlein verlöschten.

Jetzt kam wieder eine leichte, lustige Musik.

Da nahmen alle Elfen langstielige Blüten in die Hände und schwebten und tanzten anmutig durcheinander, in der Mitte die holde Königin.

Darüber, wie eine bunte Wolke, flatterten die schimmernden Schmetterlinge. Dazu sangen die Elfen leise und anmutig:

Tanzen, schweben, holdes Leben,
Elfenreigen in der Nacht.
Tanzen, schweben, holdes Leben,
Bis der junge Tag erwacht.

Und wie Hermann das bunte Gewimmel anschaute, war es ihm, als würde es immer undeutlicher vor seinen Augen, als wäre ein Schleier davorgezogen. Wie im Nebel sah er die zierlichen Gestalten durcheinander wogen und wie aus der Ferne hörte er den Gesang:

Tanzen, schweben, holdes Leben,
Elfenreigen in der Nacht.
Tanzen, schweben . . .

Dann war alles still, und wie ein dunkler Schleier senkte es sich vor seine Augen.

Als er seine Augen wieder aufschlug, war es Morgen, und er lag ganz ordentlich in seinem Bette. Vom nächsten Kirchturm schlug die Uhr acht. Er rieb sich die Stirn, richtete sich im Bette auf und sah nach seinem Dintenfaß. Das stand auf dem Tische und sah gar nicht anders aus wie sonst.

Als er aufgestanden war und sich seinem Tische näherte, da wunderte er sich, denn das ganze Blatt, welches er am gestrigen Abend vor sich gelegt hatte, war eng beschrieben, und zwar von feiner Hand.

Als er anfing, das Geschriebene zu lesen, da fand er, daß es eine ganz genaue Beschreibung des Elfenfestes war. Da erkannte der arme Student, welchen Schatz der alte Mann ihm geschenkt hatte.

Er machte sich sogleich auf, ihn zu besuchen und ihm für sein Geschenk zu danken. Als er aber in die Straße kam, wo er ihn damals gefunden hatte, war in der ganzen Straße kein solches Haus zu finden, und niemals hat er den alten Trödler wieder gesehen.

Aber noch an manchem Abend stellte er das Dintenfaß auf den Tisch, legte ein Blatt Papier vor sich hin, nahm die Feder in die Hand, und dann geschahen die wunderlichen Märchen.

Die Kinder aber, welche in dem Hause wohnten, hatten es sehr gut, denn des Abends, wenn es dunkel ward, kamen sie zu Hermann und setzten sich um ihn herum, und dann erzählte er ihnen alle diese schönen Geschichten. Die möchtet ihr nun auch wohl gerne hören. Ja, wenn ich noch mehr von dem armen Studenten und seinem wunderbaren Dintenfaß erfahre, dann erzähle ich es euch wieder, darauf könnt ihr euch verlassen.



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