Fröhliche Weihnachten mitWeihnachtsgeschichtenWeihnachtsgedichte und Weihnachtslieder
Fröhliche Weihnachten 2011! Hier finden Sie Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsgedichte

Das kluge Gretel

Sunday, October 9th, 2011

Es war eine Köchin, die hieß Gretel, die trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, so drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich und dachte ‘du bist doch ein schönes Mädel.’ Und wenn sie nach Hause kam, so trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein, und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach ‘die Köchin muß wissen, wies Essen schmeckt.’
Es trug sich zu, daß der Herr einmal zu ihr sagte ‘Gretel, heut abend kommt ein Gast, richte mir zwei Hühner fein wohl zu.’ ‘Wills schon machen, Herr,’ antwortete Gretel. Nun stachs die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spieß, und brachte sie, wies gegen Abend ging, zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen. Da rief Gretel dem Herrn ‘kommt der Gast nicht, so muß ich die Hühner vom Feuer tun, ist aber Jammer und Schade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind.’ Sprach der Herr ’so will ich nur selbst laufen und den Gast holen.’ Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte ’so lange da beim Feuer stehen macht schwitzen und durstig, wer weiß, wann die kommen! derweil spring ich in den Keller und tue einen Schluck.’ Lief hinab, setzte einen Krug an, sprach ‘Gott gesegnes dir, Gretel,’ und tat einen guten Zug. ‘Der Wein hängt aneinander,’ sprachs weiter, ‘und ist nicht gut abbrechen,’ und tat noch einen ernsthaften Zug. Nun ging es und stellte die Hühner wieder übers Feuer, strich sie mit Butter und trieb den Spieß lustig herum. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Gretel ‘es könnte etwas fehlen, versucht muß er werden!’ schleckte mit dem Finger und sprach ‘ei, was sind die Hühner so gut! ist ja Sünd und Schand, daß man sie nicht gleich ißt!’ Lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käm, aber es sah niemand: stellte sich wieder zu den Hühnern, dachte ‘der eine Flügel verbrennt, besser ists, ich eß ihn weg.’ Also schnitt es ihn ab und aß ihn auf, und er schmeckte ihm, und wie es damit fertig war, dachte es ‘der andere muß auch herab, sonst merkt der Herr, daß etwas fehlt.’ Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging es wieder und schaute nach dem Herrn und sah ihn nich t. ‘Wer weiß,’ fiel ihm ein, ’sie kommen wohl gar nicht und sind wo eingekehrt.’ Da sprachs ‘hei, Gretel, sei guter Dinge, das eine ist doch angegriffen, tu noch einen frischen Trunk und iß es vollends auf, wenns all ist, hast du Ruhe: warum soll die gute Gottesgabe umkommen?’ Also lief es noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk, und aß das eine Huhn in aller Freudigkeit auf. Wie das eine Huhn hinunter war und der Herr noch immer nicht kam, sah Gretel das andere an und sprach ‘wo das eine ist, muß das andere auch sein, die zwei gehören zusammen: was dem einen recht ist, das ist dem andern billig; ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte mirs nicht schaden.’ Also tat es noch einen herzhaften Trunk, und ließ das zweite Huhn wieder zum andern laufen.
Wie es so im besten Essen war, kam der Herr dahergegangen und rief ‘eil dich, Gretel, der Gast kommt gleich nach.’ ‘Ja, Herr, wills schon zurichten,’ antwortete Gretel. Der Herr sah indessen, ob der Tisch wohl gedeckt war, nahm das große Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang. Indem kam der Gast, klopfte sittig und höflich an der Haustüre. Gretl lief und schaute, wer da war, und als es den Gast sah, hielt es den Finger an den Mund und sprach ’still! still! macht geschwind, daß Ihr wieder fortkommt, wenn Euch mein Herr erwischt, so seid Ihr unglücklich; er hat Euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anders im Sinn, als Euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur, wie er das Messer dazu wetzt.’ Der Gast hörte das Wetzen und eilte, was er konnte, die Stiegen wieder hinab. Gretel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief ‘da habt Ihr einen schönen Gast eingeladen!’ ‘Ei, warum, Gretel? was meinst du damit?’ ‘Ja,’ sagte es, ‘der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen.’ ‘Das ist feine Weise!’ sprach der Herr, und ward ihm leid um die schönen Hühner, ‘wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir was zu essen geblieben wäre.’ Er rief ihm nach, er sollte bleiben, aber der Gast tat, als hörte er es nicht. Da lief er hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie ‘nur eins! nur eins!’ und meinte, der Gast sollte ihm nur ein Huhn lassen und nicht alle beide nehmen: der Gast aber meinte nicht anders, als er sollte eins von seinen Ohren hergeben, und lief, als wenn Feuer unter ihm brennte, damit er sie beide heim brächte.

Haensel und Gretel – von Gebrueder Grimm – Weihnachtsmaerchen

Tuesday, November 10th, 2009

Ein schönes altes deutsches Weihnachtsmärchen, welches auch heute immer noch gerne erzählt wird, ist das Märchen “Hänsel und Gretel” von den Gebrüder Grimm. Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) gelten als die weltweit bekanntesten Märchenerzähler. Neben “Schneewitchen” ist “Hänsel und Gretel” eines der bekanntsten Märchen der Gebrüder Grimm.

Als Weihnachtsmärchen wird “Hänsel & Gretel” dieses Jahr u.a. wieder aufgeführt bei der Hamburgischen Staatsoper. Termine zur Aufführung von Hänsel und Gretel bei der Hamburgischen Staatsoper finden Sie unter: hamburgische-staatsoper.de

Hänsel und Gretel von den Gebrüder Grimm

Haensel-und-Gretel Hänsel und Gretel mit böser Hexe – Darstellung von Alexander Zick (1845 – 1907)

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: »Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da wir für uns selbst nichts mehr haben?« »Weißt du was, Mann«, antwortete die Frau, »wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.« »Nein, Frau«, sagte der Mann, »das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.« »Oh, du Narr«, sagte sie, »dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln«, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. »Aber die armen Kinder dauern mich doch«, sagte der Mann. Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: »Nun ist’s um uns geschehen.« »Still, Gretel«, sprach Hänsel, »gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.« Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: »Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen«, und legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: »Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.« Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: »Da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt’s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.« Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: »Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine nicht!« »Ach, Vater«, sagte Hänsel, »ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.« Die Frau sprach: »Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.« Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: »Nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.« Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: »Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.«

Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wär’ in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: »Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen?« Hänsel aber tröstete sie: »Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.« Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchern an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: »Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht wiederkommen.« Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: »Alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.« Dem Mann fiel’s schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest. Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweitenmal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mitangehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und die Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal; aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: »Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.«

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. »Hänsel, was stehst du und guckst dich um?« sagte der Vater, »geh deiner Wege!« »Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen«, antwortete Hänsel. »Narr«, sagte die Frau, »das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.« Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte: »Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.« Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: »Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.« Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: »Wir werden den Weg schon finden.« Aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein. Nun war’s schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. »Da wollen wir uns dranmachen«, sprach Hänsel, »und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.« Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

»Knupper, knupper, Kneischen,
Wer knuppert an meinem Häuschen ?”
Die Kinder antworteten:
»Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind«,

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: »Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.« Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: »Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!« Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: »Das wird ein guter Bissen werden.« Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: »Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.« Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: »Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.« Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. »Heda, Gretel«, rief sie dem Mädchen zu, »sei flink und trag Wasser! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.« Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! »Lieber Gott, hilf uns doch«, rief sie aus, »hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!« »Spar nur dein Geplärre«, sagte die Alte, »es hilft dir alles nichts.«

Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. »Erst wollen wir backen«, sagte die Alte, »ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.« Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen »Kriech hinein«, sagte die Hexe, »und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.« Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie’s aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: »Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?« »Dumme Gans«, sagte die Alte, »die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein«, krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: »Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.« Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. »Die sind noch besser als Kieselsteine«, sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte. Und Gretel sagte:« Ich will auch etwas mit nach Haus bringen«, und füllte sein Schürzchen voll. »Aber jetzt wollen wir fort«, sagte Hänsel, »damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.« Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. »Wir können nicht hinüber«, sprach Hänsel, »ich seh keinen Steg und keine Brücke.« »Hier fährt auch kein Schiffchen«, antwortete Gretel, »aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.« Da rief sie:

»Entchen, Entchen,
Da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
Nimm uns auf deinen weißen Rücken.«

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. »Nein«, antwortete Gretel, »es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen.« Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.

Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.

Der Stern zu Bethlehem

Wednesday, October 28th, 2009

Eine Weihnachtsgeschichte von Hermine Villinger (1849 – 1917)

Es war ein düsterer Novembermorgen. Die Uhr der protestantischen Kirche auf dem Marktplatze hatte eben fünf geschlagen. Ein Schutzmann, der die Kriegsstraße passierte, sah einen schwarzen Packen unter einem der Bäume liegen. Es war ein fest schlafendes Kind. Der Mann schüttelte und rüttelte das magere, im höchsten Grade verkommen aussehende Bürschlein wohl eine ganze Weile. Endlich – einen durchdringenden Schrei ausstoßend – fuhr der kleine in die Höhe. Er wollte sich frei machen. Er riss und zerrte, sein Jammern war herzzerreißend.

“Aber es geschieht dir ja nichts”, sagte der Schutzmann, “soll für dich gesorgt werden. Sei nur ruhig, sei nur ruhig . . . ”
Gleich beim ersten Wort hatte das noch eben tief geängstigte Kind freudig aufgehorcht, des Mannes Hand ergriffen und sich wie hilfesuchend an ihn hingedrängt.
“Bist wohl hungrig?” fragte er.
“Ja, ja.” Die Stimme klang ganz hell. Keine Spur von Angst mehr.
“Wie alt bist du, Kleiner?”
“Zehn Jahr.”
“Wo kommst her?”
Schweigen.
“Wer sind deine Eltern?”
Abermaliges Schweigen. Sie waren eine Weile gegangen und hielten nun vor einem großen Hause, das hoch über all die geringen Häuslein des “Dörfle”, wie man diesen Stadtteil nennt, hinausragte. Der Schutzmann läutete, und sie traten ein.
Eine Schwester kam ihnen entgegen, jung, in einer weißen Haube. Ohne das mehr als die nötigen Worte zwischen ihr und dem Schutzmann gewechselt wurden, nahm sie den Kleinen bei der Hand und führte ihn ein paar Treppen hinauf, durch eine Menge dunkler Gänge und Gelasse. In einem kleinen Raume machte sie halt und zündete das Gas an. Jetzt erst betrachtete sie ihren Schützling.
“Lieber Gott,” rief sie bei seinem Anblick aus, “lieber Gott . . . ”
Sie zog einen Schemel herbei: “Da setz’ dich her!” Dann zündete sie den Gasofen an, denn sie befanden sich im Badezimmer, lief rasch davon und kehrte schon nach wenigen Minuten mit einer Tasse Milch zurück und einem Stück Brot.
Der Junge, der zart und klein für sein Alter war, ließ den Blick nicht von der hübschen, rotbackigen Schwester, die kam und ging, alles mögliche herbeischleppte und ihm von Zeit zu Zeit freundlich zunickte.
Sie hatte ein großes Tuch vor ihm ausgebreitet. Kaum, dass er sich’s versah, war er seiner schmutzigen, zerfetzten Kleider entledigt und lag in der wohlig warmen Badewanne.
Er lachte, er hatte so etwas nie erlebt. Nun kam die Schwester mit der Bürste und seifte ihn von Kopf bis zu den Füßen ein.
Plötzlich ließ sie ihn in Ruhe. Er streckte die Glieder, suchte eine Stütze für den Kopf. Ihm war zum Einschlafen wohl. Aber schon im nächsten Augenblick lag er in einem warmen Tuch auf dem Tische, wurde abgerieben und davongetragen. Er kam aus dem Verwundern nicht heraus. In eine warmes Bett wurde er gesteckt, fühlte weiße, unendliche Sauberkeit um sich her, sah wie aus weiter Ferne das rosige, lachende Gesicht der Schwester, die ihm zunickte, und schlief ein.
Erst gegen Mittag erwachte er. Vor seinem Bette stand Schwester Käthchen und die Oberschwester.
“Er hat nur Haut und Knochen,” hörte er seine Pflegerin sagen, “und ein blaues Mal am andern.”
“Gelt, dir gefällt’s in deinem Bett?” wandte sie sich an den Kleinen. “Wie heißt du denn?”
Er besann sich einen Augenblick, dann meinte er schelmisch:
“Weiß nit – ”
Die Frauen lachten.
Des Nachmittags nahm ihn Schwester Käthchen vor. Sie saß neben einem Kinderwagen, in dem ein blondes und ein schwarzes Geschöpfchen einträchtig nebeneinander lagen.
“Wem gehören denn die?” fragte der neue Ankömmling, der nun ein sauberer kleiner Kerl war mit Augen die wie Sterne glitzerten.
“Sie gehören niemand,” sagte Schwester Käthchen, “darum bleiben sie jetzt bei uns.”
“Ich gehör’ auch niemand,” sagte der Kleine, “gelt, jetzt bleib’ ich auch bei dir.”
“Aber du bist doch all die Zeit her mit jemand zusammen gewesen,” meinte Schwester Käthchen, “du läufst doch nicht allein in der Welt herum?”
Der kleine besann sich, sah sich scheu um und sagte leise:
“Mit dem Scherenschleifer war ich.”
“Ist das dein Vater?”
Er schüttelte den Kopf.
“Die Mutter hat mich ihm verkauft für zehn Mark. Ich hab’s gesehen.”
Die Schwester strich ihm über das dunkle Haar.
“Wie lange bist du denn schon mit dem Scherenschleifer gewesen?”
“Weiß nit. Recht lang. Hab’ müssen die Scheren einholen. Hab’ viel mehr Schläg’ als Essen kriegt. Aber bin ihm doch davong’laufen.
Er lachte laut auf vor Vergnügen.
“Wo ist denn deine Mutter?”
“Sag’ ich nit. Die gibt mich wieder dem Scherenschleifer.”
“Hast du denn keinen Vater?”
“Doch, der ist auch da, und zwei Schwesterln. Aber der mag mich erst recht nit.”
“Geh, sag’ mir, wie du heißest,” bat die Schwester. “Weiß nit,” sagte er wieder. “Also dann nenn’ ich dich “Weiß nit”.
Jetzt lachte er so herzlich, dass die beiden kleinen Kinder aus ihrem Hindämmern auffuhren und die Ärmchen nach der Schwester ausstreckten.
Sie hatte sie gleich beruhigt.
“Sag’ mir wenigstens deinen Vornamen, gelt?”
“Fritzl,” flüsterte er.
Als der Abend kam, fehlte in der Kinderstube eine Menge Dinge. Schwester Käthchen vermisste ihr Portemonnaie, die Bürste an der Wand war weg, das Glas auf dem Tisch. Alles fand sich in Fritzls Bett vor, als die Schwester dieses für den Abend zurecht machen wollte. Der Kleine spielte im Gärtchen des Pfründnerhauses mit den andern Kindern. Als er heraufkam, standen ihm die Hosentaschen weit vom Körper ab. die Schwester fand eine Mütze, ein paar Taschentücher, einen Wollknäuel.
“Das – und alles, was ich im Bett gefunden,” rief sie entsetzt aus, “Fritzl, du stiehlst ja!”
“Er hat mich halbtotgeschlagen, wenn ich nit g’stohlen hab’,” gab ihr der Kleine zur Antwort.
“Weißt du denn nicht, dass man nicht stehlen darf?” Er nickte schlau. “Der Polizeimann ist arg hinterher.”
“Fritzl” – die Schwester kauerte sich zu ihm hin, “sag’ mir eins: warst du denn nicht in der Schul’?”
“Nein.”
“Hast gar nichts gelernt, nicht lesen und schreiben?” “Nein,” wiederholte er, “aber sonst kann ich viel. Pass auf -”
Er stellte sich in die Mitte der Stube und verbeugte sich nach allen Seiten.
“Herrschaften”, begann er und fing an zu schwatzen, tolles Zeug, Räuber- und Mördergeschichten, alles ohne inneres Verständnis bunt durcheinander. Seine Redegewandtheit war außerordentlich, und seine Bewegungen waren so drollig, dass die Kinder nicht aus dem Lachen herauskamen.
Unermüdlich kramte der kleine Komödiant seine Geschichten aus.
Der Polizeiagent, der einmal zu solch einer Vorstellung gekommen war, meinte, der Kleine müsse, seiner Betonung nach, aus Bayern sein. Indes alle Mühe, etwas aus dem Kinde herauszubringen, war umsonst. Der Fritzl war schlau. Er gab auf die Fragen, die man an ihn stellte, immer die gleiche Antwort: “Ich gehör’ niemand, ich bleib bei der Schwester Käthchen.”
Man schickte ihn mit den andern Kindern in die Schule. Bei den sechsjährigen saß er, das freudigste Kind, das jemals auf der Schulbank saß. Ihm war das Lernen kein muss, sondern eine Vergünstigung. Alles, was bei den andern Kindern etwas Selbstverständliches war, kam ihm wie etwas Wunderbares, nie Geahntes vor, bis auf das Zehnuhrbrot, das ihm Schwester Käthchen jeden Morgen zusteckte. Seine Augen glänzten in steter Verwunderung.
Es kam auch vor, dass er in der Nacht auffuhr und in ein verzweiflungsvolles Geschrei ausbrach.
Dann musste Schwester Käthchen ihm die Hand geben und ihm solange versichern, dass der Scherenschleifer weit und breit nicht zu sehen sei, bis er ruhig wurde. Meistens schlief er gleich ein, zuweilen fing er an zu plaudern:
“Mit einem dicken Riemen hat er mich g’schlagen. Einmal hab’ ich viele Tag’ nichts g’sehn, weil’s über die Augen ging. Da hat er mich Hund g’nannt und mir nichts zu essen gegeben. Aber jetzt hab’ ich nie mehr Hunger. Jetzt tut mir’s nirgends mehr weh. Und bald kann ich lesen und schreiben. Gelt, wenn ich das kann, Schwester Käthchen, da tu’ ich aber einen Sprung -.”

Schwester Käthchen rückte ein wenig aus dem Licht der Nachtlampe, damit das Kind die Tränen nicht sah, die ihr in die Augen stiegen. Sie war nicht weich, das viele Elend um sie her hatte sie abgestumpft. Nur indem sie die Dinge leicht nahm, konnte sie ihr schweres Werk mit Fröhlichkeit vollbringen. Die Kinder drängten sich zu ihr wie zur Sonne, weil ihre Augen lachten. Wenn sie um diese armen Kleinen geweint hätte, wäre ihnen nicht damit gedient gewesen.

Aber dieser tapfere Fritzl, an dessen Körper kein heiler Fleck war, dessen Kindheit wohl im wahren Sinn des Wortes ein Martyrium gewesen, wenn der mit seinen leuchtenden großen Augen nun sein Glück pries und alles, was jedes Kind als etwas unermesslich Schönes empfand und, ohne das er das Wort Dank aussprach, mit jedem Atemzuge, mit jedem freudigen Aufleuchten dankte und immer wieder dankte, da überkam Schwester Käthchen etwas wie ein Gefühl der Empörung, der Anklage gegen die ganze Welt, die so etwas zuließ – die solch ungerechtes Kinderleid duldete.
Er war auch unartig, er stieß einmal den beiden Kleinen im Wägelchen die Köpfe so hart zusammen, dass sie brüllten. Schwester Käthchen gab ihm eine Ohrfeige.
Da sah er sie strahlend an. Er war ganz andere Schläge gewohnt; was von Schwester Käthchens Hand kam, dünkte ihm eine Liebkosung.
Sie musste lachen über den Misserfolg ihrer Strafe, sie zog ihn zu sich heran.
“Schau, Fritzl, du musst recht lieb mit ihnen sein, es sind gar so arme Frätzle, die zwei.” “Sei ruhig,” sagte er, “ich heirat’ sie später.”
“Auch noch alle zwei,” lachte sie auf.
“Sonst blieb ja eins allein,” meinte er.
Weihnachten war in Sicht, und Schwester Käthchen saß in der großen Kinderstube zwischen ihren Schützlingen – Kinder, die nie Elternliebe gekannt hatten oder den Misshandlungen ihrer Eltern entrissen worden waren. Nun saßen oder lagen oder standen sie um Schwester Käthchen herum, die einen Haufen Kinderwäsche zum ausbessern vor sich hatte und vom Christkind erzählte. “Traurig war die Welt und dunkel. Ach, so dunkel und kalt. Kein Mensch war froh. Auch kein Tier. Es war ein so großes Frieren. Da hatte der liebe Gott Erbarmen. Er schickte das Christkind. Und das Christkind kam. Vom Himmel hoch kam’s herab und zündete das Bäumlein an mit tausend lustigen Lichtern, dass es warm wurde auf der kalten Erde und hell und froh, dass alle Kinder jauchzten und schöne Lieder sangen und niemand mehr traurig war auf Erden.”
So sprach sie und noch vieles andere. Dass sie nun alle brav sein müssten und folgsam. Nicht mit leeren Händen dürften sie vor den Christbaum treten.
“Ich habe meine Suppe aufgegessen,” müssten sie zum Christkind sagen können. “Ich habe meine Schürze reingehalten.” “Ich war nicht gefräßig.”
Solche Dinge müssten sie dem Christkind bringen. Auch die heiligen drei Könige, die von weither dem Stern zu Bethlehem nachgezogen seien, hätten dem Christkind eine Menge schöner Sachen mitgebracht.
Die kleinen Mädchen saßen längst um die Perlenschachtel, um Kränzlein zu machen für den Weihnachtsbaum.
Der Fritzl aber wollte immer noch von den heiligen drei Königen erzählt haben.
“War er sehr groß, der Stern zu Bethlehem?” lauteten seine Fragen.. “Ich hab’ viele Stern’ schon g’sehn. War er viel größer, viel schöner? Glaubst, dass er noch manchmal am Himmel steht, wenn auch die heiligen drei Könige jetzt tot sind? Gelt, sag’ mir, wenn er am Himmel steht, und ich sollt’ grad schlafen.”
Schwester Käthchen versprach ihn zu wecken. Da gab’s ein großes Geschrei. Sie wollten alle geweckt sein. Wollten alle den Stern sehen.
Ach, so groß wie die Seligkeit in der armen Kinderstube, so heiß die Erwartung – eine Erwartung und Sehnsucht, wie sie jene Hirten und Könige einstens empfanden, dass sie kamen von allen Seiten und nichts wollten, und nichts begehrten als anzubeten, niederzusinken vor dem Heile der Welt, das endlich gekommen. Aber so wie den Fritzl, so gewaltig ergriff die Erregung keins der Kinder. Er störte sie alle. Er wusste nicht, was anstellen vor mächtiger Freude. Er schwatzte den ganzen Tag.
Ihm hatte das Christkind noch nie einen Baum angesteckt. Ihm war das alles so neu, so wunderbar neu. Eine Sehnsucht ergriff ihn, etwas zu geben, Schwester Käthchen eine Freude zu machen.
“Weißt, jetzt will ich dir’s sagen, wo meine Mutter wohnt,” begann er, den Arm um den Hals der Schwester schlingend, “in München wohnt sie bei einer großen Wiese. Siehst, jetzt sag’ ich dir alles. Und dass sie mich auf die Gass’ gejagt, wie sie den Schwesterln einen Baum g’macht. Hab’ die Lichter durchs Fenster g’sehn. Hast eine Freud’ jetzt?”
Nein, sie hatte keine, sie hatte keine! Wie oft hatte sie ihn gefragt, wo er zu Hause sei, ihm gedroht, er müsse ihr sagen, wo er zu Hause sei, wo seine Eltern wohnten. Immer wieder war nachgefragt worden, ob man nichts von ihm wisse, ob er noch immer nicht gesprochen. Und jetzt gerade vor Weihnachten, hatte er’s getan. Wenn sie es nun sagte, so würde man ihn am Ende holen und heimbringen zu jener Mutter, die ihn auf die Gasse gejagt, während sie ihren andern Kindern einen Baum angesteckt.
Nein, nein, sie wollte sein Geheimnis nicht verraten. Er sollte seine Weihnacht noch haben, ehe er in die Heimat ausgeliefert wurde.
Sie schwieg. Sie war doppelt gut zu ihm.
Und endlich kam der heilige Abend, und Fritzl trat mit den Kindern vor den Baum mit den vielen Lichtern und dem glänzenden Stern obenan.
“Da ist er ja, da ist ja, der Stern,” schrie er ganz außer sich vor Freude.
Aber er wurde zurückgehalten. Die Kinder sangen mit den Schwestern, und die alten Pfründnerinnen sangen mit und vergaßen ein wenig ihre Gebrechlichkeit.
Der Fritzl aber konnte fast nicht stillhalten. All das Singen, all das Reden dauerte ihm viel zu lang. Er war der erste, der vor der Krippe mit dem Christkind stand. Und siehe da, einen Haufen Sachen zwängte er aus seinen Taschen, lauter entwendetes Gut, und legte es stolz und glückselig vor das Christkind hin, rühmte sich noch damit, hielt die Kinderhäubchen, schmutzige Taschentücher, Griffel, Bleistifte hoch, hoch – “Und das – und das – schau alles, das schenk’ ich dir -”
Nein, es konnte keiner zanken. Man konnte nichts sagen vor Lachen.
Schwester Käthchen meinte entschuldigend: “Er hat mich ein wenig missverstanden. Ich wird’s ihm schon klarmachen,” und nahm ihn beim Kopf.
“Weißt, Fritzl, Gestohlenes darf man dem Christkind nicht bringen.”
“Aber sonst hab’ ich ja nichts,” meinte er.
Die Tage vergingen und Schwester Käthchen hatte noch immer nichts gesagt. Sie konnte es nicht übers Herz bringen.
Der Januar ist so kalt, kam sie mit sich überein, ich will noch ein wenig abwarten.
Der Februar war auch noch kalt.
Jetzt wurde der Polizeiagent dringend.
Also dann sprach sie.
Und eines Morgens richtete sie ein kleines Bündel zusammen. Der Gendarm stand schon vor der Türe. Schnell befestigte sie eine Schnur mit einem Medaillon um den Hals ihres Lieblings, küsste ihn und schob ihn über die Schwelle. Sie zitterte, sie hielt die Türe fest zu. Im nächsten Augenblick hörte sie ihn schreien, markerschütternde Töne waren’s.
Schwester Käthchen warf sich über ihr Bett und schluchzte und schwor und schwor: “Ich werde kein Kind mehr lieben – ich werd’ kein Kind mehr lieben – ” Aber es kamen neue Kleine und mit ihnen neues Elend. Sie hatte keine Zeit, ihrem Schmerz nachzuhängen. Die ihr anvertrauten Kinder verlangten ihre Gegenwart, verlangten stürmisch nach ihrer Heiterkeit.
Und so wurde sie wieder die alte. Sie vergaß ihn nicht, den Fritzl, aber sie hatte sich beruhigt, und bald vergingen Tage und Wochen, ohne dass sie seiner gedachte.
Als aber Weihnacht wieder vor der Tür stand, ging’s ihr ganz seltsam. Sie wehrte sich, sie wollte nicht, aber der Fritzl ging ihr nicht aus dem Sinn. Eine große Unruhe erfasste sie. Die Frage ließ sie nicht los: Wie wird es ihm gehen – wie wird es ihm gehen?
Wieder verfertigten die kleinen Mädchen Perlenkränzlein für den Weihnachtsbaum, und wieder erzählte die Schwester die alte und ewig neue Geschichte vom Christkindlein, das in die dunkle kalte Welt das Licht und die Freude gebracht.
Im Kinderwagen lagen zwei neue Geschöpfchen, und die vom letzten Jahr krabbelten auf dem Boden herum. Schwester Käthchen sah sich unter ihren Schützlingen um, und es fuhr ihr durch den Sinn: So wie über den Fritzl hab’ ich doch nie wieder über ein Kind lachen müssen. Wie wär’s doch schad’ um ihn, wenn er zugrund’ gehen müsste.
Der Schnee schlug gegen die Fensterscheiben. Es war ganz still auf der Gasse, so tief und weich war die Decke über dem Erdboden.
“Wird sie ihn am End’ wieder hinausschicken, wenn sie ihren andern Kindern beschert?” murmelte Schwester Käthchen vor sich hin.
Eine Magd erschien unter der Türe.
“Ein Bub’ verlangt nach Ihnen, Schwester Käthchen. Er ist so schmutzig, dass ich ihn nicht reingelassen habe.” Schon war sie draußen. Sie fragte nicht lange, wer das zitternde, weinende Geschöpf da in der Ecke war – sie nahm’s in ihre Arme.
Eine Stunde später lag der Fritzl wieder in seinem alten sauberen Bett mit noch größeren Augen als früher und einen Appetit, der nicht zu stillen war. Die Oberschwester kam, und alle Schwestern und Kinder umstanden sein Bett.
“Gelt aber, ich bin noch recht kommen,” nickte er ihnen zu, “hab’ immer denkt, wenn ich nur zur heiligen Nacht daheim bin.”
“Willst du uns nicht erzählen, wie dir’s ergangen ist?” fragte Schwester Käthchen.
“Freilich,” nickte er, “o, `s ist mir gut gangen, nur wie ich in München ankommen bin, hat mich die Mutter an der Hand packt wie ein Stück Holz. Die Schwesterln haben sich auch nit g’freut. Der Vater hat g’sagt: “Ich geh’ auf den Abend ins Wirtshaus.” Dann hat die Mutter g’sagt, sie woll’ mich in der Küch’ füttern. Hat mir auch recht schön’s Essen geben. Aber der Vater ist doch ins Wirtshaus. Die Mutter hat g’heult, ich glaub’, er hat sie g’schlagen. Ich sei an allem schuld, hat sie g’sagt.” “Bist auch in die Schul’ gangen?” fragte Schwester Käthchen.
“Freilich”, nickte er, “er war recht zufrieden, der Lehrer, hat mich nie g’hauen. Kann’s Einmaleins fast -” “Aber warum bist denn von daheim fort?” erkundigte sich die Oberschwester.
“Ja, das war – das war halt so -: Am Tisch sind wir g’sessen, die Schwesterln und ich, ohne Licht. Aber ich seh’ auch im Dunkeln. Die Mutter ist reinkommen, bin erschrocken über ihr Gesicht. Da setz’ dich her,” hat sie zu mir g’sagt und mich unten an’ Tisch zogen. Drauf ist sie wieder gangen. Die Schwesterln waren ganz still und ich auch. Eine Angst hab’ ich gehabt wie vor dem Scherenschleifer. Da bin ich schnell über den Tisch weg ans Fenster. Die Mutter ist gleich reinkommen mit einer dampfenden Schüssel. Über den Stuhl, wo ich g’sessen bin, hat sie die Schüssel fallen lassen. Hab’ sie laut schreien hören. Weit schon war ich, draußen auf der Gass’, hab’ ich sie noch immer schreien hören. – Da bin ich g’laufen – ”
Er schwieg. Die Kinder lachten. Es lag so viel Lustigkeit in seiner Stimme. Sie merkten nicht, wie sich Schwester Käthchen über die Augen wischte.
“Wer hat dir denn das Geld zum Herfahren gegeben?” fragte die Oberschwester.
Er sah sie lachend an: “Mit hat kei’ Mensch Geld geben, hab’ halt ein Fuß vor den andern g’setzt. Vorwärts marsch, wie der Scherenschleifer g’sagt hat’.” Die Kinder jubelten.
Schwester Käthchen schlug die Hände zusammen: “Zu Fuß von München bis hierher! Ist das möglich!”
“Ist sogar recht schön gewesen,” behauptet Fritzl, “bin immer der Eisenbahn nach. Hab’ auch oftmals zu essen kriegt unterwegs, manchmal eine Supp’ und einmal einen Pfannenkuchen. In der Nacht bin ich in die Heustadel gekrochen oder in Stall. Einmal hab’ ich g’meint, ich seh’ den Scherenschleifer. Da bin ich vor Angst zu einem Hund in die Hütt’. Er war aber recht gut und hat mich g’leckt. Die ganze Nacht hab’ ich bei ihm g’schlafen, und in der Früh haben mir seine Leut’ Kaffee geben.” “Und dann? Und dann?” riefen die Kinder. Ganz eng umstanden sie das Bett. “Dann hab’ ich einen Purzelbaum g’schlagen und dann noch einen,” prahlte Fritzl.
“Wie lang’ warst du denn unterwegs?” fragte die Oberschwester.
“Weiß nit,” meinte er achselzuckend, “vielleicht war’s zweimal Sonntag. Nur haben die Sohlen nit g’halten. Da haben mir die Füß’ halt weh g’tan. Hol’s der Teufel, hab’ ich denkt.”
Das jugendliche Publikum schrie vor Vergnügen. Er schnitt eine Grimasse: “Hol’s der Teufel,” wiederholte er zwei-, dreimal.
Jetzt drängte die Oberschwester: “Und dann?”
“Dann – ja dann hat mit eine Frau ein Paar Schuhe geben. Jetzt haben die auch wieder nit g’halten. Wenn s’ mich gar so brennt haben, die Füß’, hab’ ich an den Stern von Bethlehem denkt, dem die heiligen drei König’ nach sind bis hin zum Christkindl. Da hab’ ich denkt, was die heiligen drei König’ können, das muss doch der Fritzl auch können.”
Schwester Käthchen streichelte ihm die Wangen: “Dass du alles so schön behalten hast, was ich dir vom Christkind erzählt.”
Er machte ein höchst pfiffiges Gesichtchen: “Will dir’s verraten – nit ein einziges Mal hab’ ich g’stohlen – und weißt warum? Dass mich halt `s Christkindl dafür bei dir lasst. – Glaubst, `s ist so g’scheit?” setzte er fragend hinzu.
Schwester Käthchen setzte noch in der gleichen Stunde eine frische Haube auf und nahm ihren Kragen um. Spornstreichs ins Schloss rannte sie. – Die Landesherrin hatte sich der allzeit heiteren Schwester von jeher gnädig gezeigt. Es verging keine Woche, ohne dass die hohe Frau das Armenheim besuchte. Als sie Schwester Käthchen, nachdem ihr der Fritzl entrissen worden war, mit rotgeweinten Augen antraf, musste das Mädchen beichten, und von diesem Augenblick an wurde sie erst recht von der Landesherrin ausgezeichnet. Zu ihr nun eilte Schwester Käthchen. Und kam selig und strahlend von ihrem Wege zurück. Eben trat der Polizeiagent mit der Oberschwester aus der Kinderstube.
“Schwester, Schwester,” schrie der an allen Gliedern zitternde Kleine der Eintretenden entgegen, “er will mich wieder fortnehmen – o Schwester, wie war der Weg so weit – und jetzt seh’ ich ihn am End’ doch nit, den drei heiligen Königen ihren Stern . . . ”
Da kniete sie neben ihm hin: “Fürcht’ dich nicht, Fritzl, sei froh, es darf dich keiner mehr von hier wegnehmen. Ich hab’s für dich in der Tasche zum Weihnachtsgeschenk. Fritzl bleibt unser Kind. Darfst es aber dem Christkinde nicht verraten, dass ich dir’s vorher gesagt hab’.”
Er lächelte, indem er tief, wie von einer schweren Last befreit, aufatmete. Schon im nächsten Augenblick schlief er, seligen Frieden auf dem blassen, von Leiden und Entbehrungen so hart gezeichneten Kindergesicht.



Es sind noch 305 Tage bis Weihnachten